Thursday, March 23, 2006

Alltag

Inzwischen hat sich in unserer Gruppe ein Alltag eingenistet. Man geht in den Unterricht (oder auch nicht) und danach irgendwie einkaufen oder spazieren (oder auch nicht). Viele sind krank, immer abwechselnd. Ich zufaellig gerade nicht, dafuer hab ich aber auch das einzige Lehrbuch in dem die Antworten mit Bleistift eingetragen sind----auf koreanisch. Kein Wunder, dass ich immer so verwirrt bin: um mich herum schnattert es leise auf deutsch, die Dozentin doziert auf russisch, ich versuche vermittels meines Englischen Woerterbuches Klarheit zu gewinnen und bemuehe mich im Notfall auch dem Hangul im Schulbuch noch Aufschlussreiches zu entnehmen. Bei solchen Zustaenden ist es nicht verwunderlich, dass ich heute auf dem Markt beim Apfelkauf eindringlich gemusstert wurde. Lithauen? meinte die Marktfrau zu mir als sie mir ein Kilo Aepfel in die Tuete las. Ich beschloss, dass ein Lithauer wahrscheinlich ein guenstigeres Apfelgeschaeft machen kann als ein Kapitalist und beschloss lediglich zu verneinen. Estland? fragte sie und legt noch zwei Aepfel drauf. Ich verneinte wieder und hoffte die Wahrheit bis nach der Warenuebergabe hinauszoegern zu koennen. Jetzt forderte sie jedoch offensiv meine Herkunft. Deutschland, gestand ich und nahm schnell die Aepfel. Haette sie nicht gedacht, meinte die Marktfrau, mit dem Kopf wackelnd. Jetzt kamen noch weitere Marktfrauen interessiert zu uns und wollten alle wissen woher ich denn sei. Ich fuehlte mich etwas umzingelt.
Deutschland.
Allgemeiner Aufruhr in der Menge.
Ob ich Student sei?
Ich versuchte mich irgendwie hoeflich zu entfernen, denn inzwischen standen doch sehr viele sehr grosse und starke Frauen sehr nah und dicht bei mir. Ja, ja. Student.
An der Moskauer Universitaet sicher!
Nein, nein. Am Puschkin Institut.
Verbluefftes Schweigen. Grosse Augen. Erstarrung.
Ich nutzte den Moment der allgemeinen Verwirrung um mich aus der Umzingelung zu befreien und mit einem froehlichen Gruss zu verschwinden....Hinter mir sprach es gleich wieder sehr aufgeregt weiter. Ich muss noch in Erfahrung bringen, was diese Reaktion auf die Erwaehnung meines Instituts zu bedeuten hat. Ich nehme an es ist sicher die Ehrfurcht gewesen.

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